Buchholzens
 

Satire-

Letter


Der etwas andere
Kommentar

Martin Buchholz

Nr. 726 - vom 17. Juli 2024




Klammheimlichkeiten

I.
Also, die Attentäter in den USA sind auch nicht mehr das, was sie einst zu Lincolns und Kennedys Zeiten waren. Donald Trump hat es nur an einem Ohrzipfel erwischt. An seinem immerwährenden Hirntod hätte sich ohnehin nichts geändert.
Also kein Grund zu „klammheimlicher Freude“. Ich muss mich bei jüngeren Leserinnen und Lesern entschuldigen: Dieses Zitat einer freudigen Klammheimlichkeit ist eine Erinnerung an unselig dahingeRAFte Zeiten, als der Generalbundesanwalt Siegfried Buback ermordet wurde. Ein Rothirn vom Stamme der Mescaleros hatte diesen Ausdruck geprägt (und wenn Sie diese Anspielung nicht verstehen, ist es auch besser so). 
Ich stand in jenen irren, aber schönen Nach-68er-Jahren in Wildwüstberlin selber mal wegen eines angeblich freudig-klammheimlichen Artikels vor Gericht, weil ich nach der Entführung von Hanns-Martin Schleyer daran erinnert hatte, dass dieser mit allen bundesdeutschen Ehren-Orden behängte Arbeitgeber-Präsident schon 1933 in die SS eingetreten war und es dort zum einflussreichen SS-Offizier gebracht hatte, dessen Wirken in Prag für die restlichen dortigen Überlebenden noch heute unvergessen ist.
Ich schrieb Anfang September 1977 im „Berliner Extra-Dienst“, einer damals ziemlich einflussreichen APO-Postille, die ich mitgegründet hatte, zugleich gegen den RAF-Wahnsinn an, also gegen die irrwitzig-blutigen Phantastereien von einer revolutionären Situation, die man provozieren müsste. So kommentierte ich die Schleyer-Entführung – bösartig überspitzt, wie es leider schon immer meine Art war: Dieses Kidnapping sei eine Aktion von „heutigen Mitgliedern einer kriminellen Vereinigung“ gegen „das frühere Mitglied einer anderen millionenfach kriminelleren Vereinigung“.
Die politische Staatsanwaltschaft (so nannte sich diese Abteilung damals in Berlin-West) schritt daraufhin zur Strafverfolgung: Ich hätte, so die Anklage, gewissermaßen als Schreibtischtäter die spätere Ermordung von Schleyer vorab gerechtfertigt und wäre somit mitverantwortlich gewesen an Schleyers Tod. Der Amtsrichter, der glücklicherweise des Lesens mächtig war, stellte das Verfahren kopfschüttelnd ein. Immerhin muss man anerkennen, dass die West-Berliner Staatsanwaltschaft damals aktiv gegen Schreibtischtäter vorgegangen ist, allerdings immer nur gegen die falschen.
II.
Pardon! Ich bin mal wieder meilenweit mit meinen Assoziationen abgeschwiffen in nostalgisch verdämmernde Alzheimereien aus griesegrauen Vorzeiten. Eigentlich war ich beim Thema Donald Trump und meiner Verwunderung darüber, warum schießwütige Amis so wenig zielsicher sind, wenn sie ohnehin schon ständig in der Gegend herumballern. Und, bitte, missverstehen Sie mich mal wieder richtig. Nicht, dass Sie meinen, ich würde meinen, dass es besser gewesen wäre, wenn dieser Ex-Präsident endgültig ex gegangen wäre, weil er dann nicht zum Next-Präsidenten gewählt werden könnte. So etwas kann ich gar nicht gemeint haben, weil man sowas gar nicht meinen darf. Ein Attentat auf einen einst gewählten (und demnächst wiederzuwählenden) Führer einer Nation ist in jedem Fall verdammenswert. Denken Sie daran am bevorstehenden 20. Juli.
(Zugegeben: Was Sie vielleicht gerade in weiter Ferne davon hinken hören, ist der Vergleich. Zurzeit ist Trump schließlich kein faschistischer Diktator; aber er übt und übt und übt. Noch hat er ein bisschen Zeit. Die Wahlen in den USA sind erst am 5. November.)
III.
Faszinierend war für mich das ikonische Foto von der Wiederauferstehung Trumps unmittelbar nach der Attacke. Gleich nachdem seine Bodyguards ihn mitsamt Body zu Boden geworfen haben, richtet er sich auf, reckt die geballte Rechte in den stars-and-stripes-bestirnten US-Himmel und ruft, dramatisch im Blute seines… nun ja… Angesichts: „Fight!“
Vermutlich war das als eine klammheimliche Ermunterung an seinen Kontrahenten gemeint, auf dass der fighten solle bis zum letzten Verstotterer, damit er, also Trump, um so ungefährdeter wieder ins Oval Office zurückstolpern kann. Sie wissen, von wem ich hier als Kontrahenten rede – natürlich vom US-Präsidenten Wladimir Putin… äh, sorry, ich meinte den anderen, den Wie-heißt-der-gleich-noch, der Name fällt mir gleich wieder ein … also, was wollte ich sagen, ach ja: 
Es gibt im Weltgeschehen ein paar schon ziemlich angeknackste alte Knacker, die einfach nicht merken wollen, dass ihr Zug in Richtung Zukunft abgefahren ist. Die verstehen nur Bahnhof, wenn alle Zugabfertiger im Chor rufen: „Zurücktreten bitte!“.
Nun hat mir neulich mein lieber, aber unbarmherziger Freund Götz mal vorgerechnet, dass auch meine Tage gezählt sind. Er hatte zuvor tatsächlich alle 24 Stunden meines Lebens penibel nachgerechnet. Dabei war herausgekommen: Am 30. Juni dieses Jahres hätte ich genau 30.000 Tage meines Lebens hinter mich gebracht. (Und so genau wollte ich gar nicht wissen, wie betagt ich mich durch mein unwürdiges Dasein ächze.) Dabei bin ich noch in einem jünglingsforschen Präsidenten-Alter und könnte ebenso elegant wie Joe Biden (gerade fällt mir der Namen wieder ein) ohne jeden Rollator schrittchenweise über alle Bühnen joggen. Allerdings hat er mir einiges an Jugendfrische voraus: Er ist zwar mein Jahrgang, doch ist er um ein paar Monate jünger.
Doch obwohl ich kein Präsident bin, wovon auch immer, und auch nie einer sein wollte, habe ich mich schon vor fünf Jahren selber zurückgetreten. Und zwar ohne dass George Clooney mich dazu aufgefordert hat. Nun ja, ab und zu schleiche ich mich noch immer heimlich auf die öffentlichen Bretter, aber nur, um hinterher ebenso klammheimlich sofort wieder von der Bühne zu verschwinden. Follow me, Joe!
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Meine vorläufigen Auftritts-Termine in diesem Jahr:
Am Donnerstag, 5. September, im Hamburger „Lustspielhaus“. Tel. 040 555 6 555 6
Am Freitag, 27. September, in der Dresdener „Herkuleskeule“, Tel. 0351 49255
Am Sonntag, 27. Oktober, auf Mallorca im „C'an Gats“, dem alten Stadtpalast von Llucmajor, Tel. 0171 3354312
Und am 1. sowie 8. Dezember bei den „Wühlmäusen“ in Berlin. Tel. 030 30 67 30 11