Buchholzens
 

Satire-

Letter


Der etwas andere
Kommentar

Martin Buchholz

Nr. 693 – vom 21. Juni 2019




Runter vom Dampfer!

Ich melde mich zurück an die deutsche Satire-Front, zurückgekehrt von einer Herumdampferei rings um die Brexit-Lande. Eine Kreuzfahrt, zu der mich der SPD-Reiseservice eingeladen hatte, was für die grenzenlose Leidensbereitschaft dieser Partei spricht. Aber genau deshalb bin ich so gerne mit den Sozialdemokraten unterwegs: Hier treffe ich  auf ein Publikum, dass von seiner Partei unbarmherzig auf Masochismus trainiert worden ist. Da kann ich mich als satirische Domina in meiner Sado-Maso-Show so richtig austoben. Und die im Leiden vereinten Genossen – eben Leidensgenossen (nebst -innen) – stöhnten mal wieder voller Wollust: Mach uns fertig! Mach uns alle! Mach uns den Buchholz!


Brrrr! Exit!


Die May ist gegangen, der Johnson schlägt aus. Wichtigste Nachricht in den daily Schwachsinns-Blättern: Brexit-Boris hat eine neue, vermeintlich seriösere Haartracht. Nur werden die Probleme damit nicht weniger haarig. Egal welche Frisur der Johnson zur Schau trägt, als rechter politischer Radikalinski ist er ja eher glatzköpfig, ein neonationalistischer Skinhead.

Aber das kennen wir auch aus Deutschland: Da gibt es ebenfalls etliche Polit-Glatzen – auch im Bundestag. Die kann man allerdings (auch) nicht auf den ersten Blick erkennen, weil sie sich geschickt tarnen. Sie tragen die Glatze unterhalb der Hirnschale, um den Hohlraum darunter zu kaschieren. Deshalb ist auch bei Boris Johnson oder bei Donald Trump nicht die Frisur das Erschreckendste, sondern vielmehr das Vakuum, das darunter verborgen ist. Auf diese Weise verbreiten sie über alle Kontinente hinweg eine tröstliche Botschaft, auch für AfD-Wähler. Denn wenn man Johnson oder Trump mal zuhört, wie sie so herumtrumpeten, dann weiß man: Es gibt ein Leben nach dem Hirntod.


Nostalgisches Seufzen
in Belfast


Belfast, Dublin, Cork. Drei Tage Irland. Eine immer noch geteilte Insel, weit von einer Wiedervereinigung entfernt. In Belfast hatte ich fast Heimatgefühle. Als gelernter Westberliner durfte ich endlich mal wieder in einer Stadt sein, durch die sich immer noch ein Schutzwall zieht. Dort überkam mich eine wehmütige Erinnerung an jene Zeit, als wir in unserem Käseglocken-Kaff noch traulich eingemauert waren. Wie Irland waren wir damals auch eine Insel – allerdings mitten im roten Meer. Auch ansonsten war Westberlin eine geographische Weltsensation, wie Volker Ludwig es in der „Linie 1“ besang: Eine Stadt, wo ringsherum nur Osten war.


Die Garten-Mauer


Im wunderschönen Lismore-Garten bei Cork (ich gebe zu, dass ich diesmal bei Landausflügen eigentlich nur in Gärten unterwegs war) gibt es verstreut in den grünen Gefilden auch einen Skulpturen-Park, von großen Künstlern aus aller Welt bestückt. Die Hauptattraktion ist ein zweiteiliges Standbild mit dem Titel „Berliner Mauer“. Tatsächlich sind da zwei originale Plattenbau-Segmente des einstigen Frontstadt-Walls zu sehen.

Doch ach, wie traurig und armselig stehen sie da inmitten blühender Landschaften. Sind es doch nur Bruchstücke, herausgerissen aus einem einstigen Gesamt-Kunstwerk. Nichts kündet mehr von der dramatischen Wucht und von der existenziellen Symbolhaftigkeit des ursprünglichen kolossalen Monuments, das so betonistisch karg und kalt war in seiner brutalen Anmutung, im Bauhaus-Design reduziert auf seinen puren Un-Nutzwert. Ein nationales Kulturerbe ist uns da abhanden gekommen und findet sich nun als Raubkunst zerstückelt in irischen Gärten wieder. Solche schändliche Banausenhaftigkeit kann nicht länger geduldet werden. Auch die kläglichen Reste sollten verschwinden. Die Mauer muss weg! Mauerspechte, auf nach Irland!


Buchholz zum Buchen


Nebenbei: Meine Lesungen aus dem Grundgesetz waren auch bei dieser Kreuzfahrt offenbar so animierend, dass mir meine Bücher laufend vom Stapel gerissen wurden. Ein erfolgreicher Stapellauf also. Falls Sie mitstapeln wollen: Nach wie vor können Sie hier bestellen. „Die Siebzigjährige, die man zum Fenster hinauswarf und die einfach nicht verschwand“ kostet signiert 16 €. Zusammen mit der Live-DVD meines letzten Auftritts bei den „Wühlmäusen“ zahlen Sie nur 25 €. Versandkosten 3 €.

Und noch eins: Meine nächsten und zugleich letzten Veranstaltungen finden – natürlich aktualisiert – bei den „Wühlmäusen“ statt: Am 23. und 24. November sowie am 7. und 8. Dezember. Der Vorverkauf läuft – www.wuehlmaeuse.de