Buchholzens
Satire-
Letter
Der etwas andere
Kommentar

Nr. 763 vom 16. Mai 2026
NAZIS UND ANDERE VERWANDTE
I.
„Ist Ihr Opa dabei?“ fragt der neue „Spiegel“-Titel. Ja, mein Opa ist dabei, genauer: er war dabei. Opa Willy, der Vater meines Vaters. Er wird von der KI in der NS-Recherche-App fälschlich als „Kürschner“ aufgeführt. Tatsächlich war er Küster an der Kapernaum-Kirche in der Weddinger Seestraße. Und in der Mitgliedskartei, die der „Spiegel“ digitalisiert und sehr einfach zugänglich gemacht hat, ist das auch richtig vermerkt. Er ist am 1. Mai 1933 in die NSDAP eingetreten.
Im damaligen Jargon nannte man solche maifrischen Neumitglieder „Märzgefallene“, weil sie sich nach der sogenannten Wahl im März 1933 noch schnell bei ihrem Adolf einschleimen wollten. Ab dem 2. Mai 1933 gab es nämlich erst einmal einen Aufnahmestopp bis 1937. Der Massenandrang war zu groß, und man wollte wohl nicht gleich das gesamte deutsche Volk, von viel zu wenigen Ausnahmen mal abgesehen, in der Partei haben.
II.
Dass dieser Opa Willy Buchholz ein Nazi-Mitläufer war, hat mich nicht weiter verwundert. Die Mitlauferei mit ausgestreckter Rechten war damals eine allgemeine Disziplin der deutschen Leichtathletik. Auch meine Mutter lief begeistert mit. Sie wurde ebenfalls am 1. Mai 1933 Mitglied im faschistischen Verein. Noch nach dem Krieg war sie eine nur langsam verglühende Nazisse. Meine sechs Jahre ältere Schwester Maria erzählte mir kürzlich, dass bei uns im Wohnzimmer stets ein Bild des Führers an der Wand hing. Es wurde erst abgehängt, nachdem sich mein Vater an der Front in der Ukraine endgültig von Führer, Volk und Vaterland verabschiedet hatte – im Mai 1943, ein Jahr nach meiner Geburt. Danach musste Hitler den Ehrenplatz an der Wohnzimmerwand für meinen toten Vater räumen.
Und dieser Martin Buchholz war sogar schon am 1. Mai 1930 als 21jähriger Student der Theologie in die Partei eingetreten. Damit gehörte er in die damals NS-offizielle Rubrik der „Alten Kämpfer“.
III.
Soweit der Sachverhalt. Dokumente aus einer tausendjährigen Reichs-Epoche, als ganz Deutschland zu einer Heil-Anstalt geworden war. Auch meine Eltern brüllten so lange „Heil“ bis nichts mehr heilgeblieben war (um Werner Finck zu zitieren). Geahnt hatte ich das alles schon, aber nicht so genau gewusst. Mich hat das an eine Geschichte aus meiner Kindheit erinnert, die ich in meinem Buch „Wir sind, was volkt“ aus dem Jahr 1993 zum ersten Mal veröffentlicht habe. (Das Buch ist wie alle anderen meiner Machwerke schon lange vergriffen. Mein letztes Buch „Männer, Macht und Mythen“ ist hingegen noch erhältlich, mit Signatur für 23 €. E-mailen Sie mir unter: kontakt@martin-buchholz.de)
In dieser Erzählung schildere ich, wie ich als ein deutscher Knabe von vielleicht neun Jahren, aus dem Munde meiner Mutter etwas über die Nazis und die Juden erfuhr. Das Kapitel trägt den Titel:
IV.
EINE DEUTSCHE MUTTER SPRICHT –
ERSTER GESCHICHTSUNTERRICHT IN EINER WEDDINGER WOHNKÜCHE
Ich höre stumm dem Sprechen meiner Mutter zu. Ich höre sie mit einer ungewohnten Stimme reden, fast warm, eine Stimme, die nach Wachstuch und Pfefferminztee riecht.
Sie sitzt am Küchentisch. Ihre doppelt beringte Witwenhand streicht mit sachter Geste über das blasse Grün der wächsernen Tischdecke. Vom Hof her das letzte Schummerlicht des Tages. In dieses Dämmern hinein spricht sie. Ihre tiefgefurchte Mine, dieses schwer durchkämpfte Gesicht von gerade mal 43 Jahren, ist ungewohnt weich, als würde sie den Erinnerungen gestatten, aus diesen Furchen emporzutauchen. Sie ist wieder jung und erzählt sich selber etwas Freundliches aus der Vergangenheit. Sie erzählt von Adolf.
Sie lacht leise: „Ich fand ihn schön, kann man sagen, was man will, darf man sowieso nicht mehr zugeben, doch ich fand ihn schön, auch mit diesem kleinen Bart unter der Nase. Rotzbremse, haben manche gesagt, aber dem Adolf stand er. Sicher, einige haben am Anfang noch gesagt, das sähe komisch aus, naja, weil der Chaplin, dieser Komiker, auch so einen Nasenbart hatte. Aber das war nur am Anfang, hinterher hat das keiner mehr komisch gefunden, zumal der Chaplin ja ein Jude war, wie ich gelesen habe. Eigentlich mag ich Bärte ohnehin nicht, aber beim Adolf sah das nach was aus….“
Sie nickt sich selber zu: „Heute klingt das ja albern, aber ich habe geweint als die Hildegard Lehmann einmal sagte, das sei doch ein Verbrecher, der Hitler. Das war kurz nachdem die SA in der Reichskristallnacht, 1939 im November, am neunten, glaube ich… als die das Kaufhaus Tietz in der Chausseestraße ausgeräumt hatten, ja, da wo heute Hertie ist. Hermann Tietz , so hieß der Besitzer, also abgekürzt: Hertie. Das war natürlich ein Jude. Das waren ja alles Juden vor Dreiunddreißig, die Juweliere, die Rechtsanwälte, die Kaufhausbesitzer. Wo man hinguckte: Juden, Juden, Juden.“
Jetzt lächelt sie nicht mehr. Ihre Stimme klingt plötzlich energisch: „Als Deutscher hattest du gar keine Chance mehr, irgendwas zu werden. Auch bei uns im Krankenhaus, die Chefärzte und Oberärzte, fast alles Juden. Als deutscher Arzt kamst du da gar nicht richtig hoch, das habe ich als Lernschwester schon mitgekriegt. Und jedenfalls der Tietz, das war auch ein Jude, deshalb hat man wohl nach dem Krieg nicht mehr auf den Namen zurückgegriffen. Tietz, da hört man das doch irgendwie raus, bei Hertie merkt das keiner mehr – außer man weiß es eben.“
Sie spricht wieder leiser: „Und dort im Kaufhaus haben die SA-Leute Klaviere aus dem Fenster auf die Straße runtergeschmissen, Reichskristallnacht war das, achtunddreißig. Richtige Klaviere, das muss man sich mal vorstellen, aber diese SA-Leute, die hatten ja keine Kultur, das waren mehr Proleten. Und da sagt mir doch diese Bekannte, Hildegard Lehmann, die sagt ganz ungeniert, der Hitler ist ein Verbrecher. Wir waren bei ihr eingeladen zum Geburtstag, und da sagt die das. Ich meine, das war ja nicht ohne Risiko für die Frau, wir hätten sie ja anzeigen können, alles konnte man damals auch nicht sagen, aber wir hätten das natürlich nie gemacht, sie angezeigt, meine ich. Sie hat sich jedenfalls ganz schön erschrocken, als ihr das rausgerutscht war und ich auf einmal losweinte.“
Ein Kopfschütteln, verständnisinnig: „Ich habe auf der Couch gesessen und die Tränen liefen mir über die Backen. Ich saß da und habe geheult und geheult, weil sie gesagt hat, der Adolf sei ein Verbrecher, und weil ich das natürlich auch nicht richtig fand, die Sache mit den Klavieren und überhaupt – na ja, das mit den Juden. Die mussten dann irgendwann diesen Stern tragen und man durfte sie nicht mehr grüßen, das war für uns ja auch nicht einfach, denn wir kannten da ein sehr nettes jüdisches Ehepaar, mit denen waren wir fast befreundet, die wohnten ein paar Häuser weiter, Nummer 5 glaube ich. Er war auch Rechtsanwalt, naja, ein jüdischer Anwalt wie gesagt, andere gab’s ja kaum, aber ein sehr, sehr feiner Mensch, sehr sympathisch. Heilmann hieß der, ausgerechnet, darüber haben wir manchmal ein bisschen gelästert, ein Jude, der Heilmann heißt, aber nett war der, er hat uns auch mal geholfen, als wir mit dem Hauswirt Ärger wegen der Miete hatten, da hat er uns einen Brief aufgesetzt, ohne das zu berechnen, also, dem haben wir doch nie was Schlechtes gewünscht. Und auf einmal sollten wir den nicht mehr grüßen, aber ich habe das natürlich gemacht, immer habe ich ihn gegrüßt, und mir ist nichts passiert, gerade wo es heute immer heißt, man wäre damals bei jeder Gelegenheit gleich verhaftet worden ist. Aber eines Morgens waren die dann auch weg, verschwunden, und keiner wusste wohin.“
Kurzes Bedenken: „Arbeitslager hieß es, aber mehr wusste man nicht, und Arbeit hat schließlich noch keinem geschadet, sagten wir immer, und das stimmt ja auch. Ich habe auch immer gearbeitet, nicht so wie andere Frauen, die faul zu Hause herumsitzen, das hätte ich nie gewollt, auch früher nicht, heute geht’s ja sowieso nicht anders. Jedenfalls, was ich sagen wollte, ich saß da und heulte, weil ich dachte, davon hat der Führer nichts gewusst, dass die da bei Tietz Klaviere aus dem Fenster schmeißen, denn sowas ist doch barbarisch, muss man sich mal vorstellen: richtige Klaviere. Das muss dem Führer irgendwer mal sagen, damit sowas nie wieder passiert…“
Und wieder nickt sie sich zu: „Diese SA-Leute waren ja keine richtigen Nazis, die gab es sowieso selten, ich meine so richtige Edelnazis, das sind feine Menschen sage ich dir, die noch heute zu ihrer Überzeugung stehen, auch wenn sie sich in Hitler geirrt hatten, denn das mit den Juden war nun wirklich nicht richtig, das hätte nicht sein müssen, obwohl heute auch vieles übertrieben wird und keiner mehr darüber redet, wie auf einmal die Arbeitslosen weg waren von der Straße und die Autobahnen gebaut wurden und es gab keine Verbrecher mehr, da konnte man als Frau auch am Abend im Park spazieren gehen, wir haben ja seit vierunddreißig hier im Wedding an den Rehbergen gewohnt…“
Ihre Hand fährt über das Wachstuch auf dem Tisch als wolle sie lästige Erinnerungs-Krümel wegwischen: „Naja, heute komme ich mir natürlich schön blöd vor, dass ich damals geheult habe, alles wegen Adolf. Mein Gott!“
PS. Und wenn Sie diese Kolumne weiterverbreiten wollen, wäre es mir sehr recht. Hier der Link fürs kostenlose Abo des Satire-Letters:
https://t60f919bb.emailsys1a.net/269/994/8411700325/subscribe/form.html?_g=1751467397
|